Von Jona Rammler
In der Medizintechnik ist User Experience (UX) weit mehr als gute Bedienbarkeit.
Sie beeinflusst Patientensicherheit, Effizienz im klinischen Alltag und den wirtschaftlichen Erfolg eines Produkts.
Medizinische Software, digitale Gesundheitsanwendungen und vernetzte Medizinprodukte wie Angiographieanlagen, Computertomografen oder Ultraschallgeräte werden unter Zeitdruck, in sicherheitskritischen Situationen und von sehr unterschiedlichen Nutzergruppen eingesetzt. In diesem Kontext führen unklare Interaktionen nicht nur zu Frustration, sondern zu Fehlbedienung, Verzögerungen und Risiken. UX in der Medizintechnik bedeutet komplexe Technologien so zu gestalten, dass sie im realen Nutzungskontext verständlich, sicher und effizient funktionieren. Darüber hinaus dient nutzerzentrierte UX dazu, Probleme medizinischer Nutzer:innen zu identifizieren und neue Innovationsimpulse für Produkte zu liefern.
Herausforderungen für UX in der Medizintechnik und Healthcare
Im Vergleich zu klassischen Konsumprodukten unterliegt User Experience (UX) in der Medizintechnik deutlich anderen Rahmenbedingungen. Medizinische Produkte und digitale Anwendungen sind häufig durch eine hohe Systemkomplexität und eine entsprechend hohe kognitive Belastung geprägt. Sie werden in zeitkritischen Situationen im klinischen Alltag eingesetzt, oft unter erheblichem Druck. Gleichzeitig müssen sehr unterschiedliche Nutzergruppen – von Ärzt:innen und Pflegepersonal über Servicekräfte bis hin zu Patient:innen – mit denselben Systemen sicher und effizient arbeiten. Hinzu kommen strenge regulatorische Vorgaben, etwa durch die MDR oder Normen wie IEC 62366 im Kontext von Human Factors Engineering. All diese Faktoren führen zu besonders hohen Anforderungen an Patientensicherheit und eine konsequente Risikominimierung.
Mehrwert von UX
Eine konsequente Integration von User Experience (UX) in die Produktentwicklung wirkt sich messbar auf den Produkterfolg aus. UX wird damit zu einem zentralen Hebel für Qualität, Sicherheit und Markterfolg – insbesondere bei komplexen und regulierten Produkten. Durch klare und reduzierte Interaktionen lassen sich klinische Workflows effizienter gestalten, was die Akzeptanz und tatsächliche Nutzung durch medizinisches Fachpersonal erhöht. Gleichzeitig sinken Schulungs- und Supportaufwände, da Produkte intuitiver verständlich sind und Fehlbedienungen reduziert werden. Dies trägt unmittelbar zur Erhöhung der Patientensicherheit bei und ermöglicht fundiertere Produktentscheidungen, die sowohl den Kundenmehrwert als auch den Businesswert nachhaltig steigern.



Prozess
Wirksame UX folgt einem strukturierten, evidenzbasierten Vorgehen.
1. Nutzung im realen Kontext verstehen
Durch Nutzerforschung im medizinischen Alltag (Beobachtungen, Interviews, Workflow-Analysen) werden reale Probleme, Risiken und Bedürfnisse identifiziert.
2. Orientierung für Produktentscheidungen
Eine UX-Strategie verbindet Nutzerbedürfnisse, Business-Ziele und technische Machbarkeit. So entstehen Lösungen, die wünschenswert, umsetzbar und wirtschaftlich sind und regulatorischen Anforderungen standhalten.
3. Komplexität beherrschbar machen
Erkenntnisse werden in Interaktionskonzepte, Informationsarchitekturen und Prototypen übersetzt, die komplexe Abläufe verständlich und sicher abbilden.
4. Risiken frühzeitig minimieren
Iteratives Testen mit realen Nutzer:innen liefert belastbare Entscheidungsgrundlagen, reduziert Entwicklungsrisiken und unterstützt regulatorische Nachweise.
Unsere UX‑Methodik hat sich in Projekten mit Unternehmen wie Siemens Healthineers und Honic bewährt.
Usecase
Ein Praxisbeispiel aus der Onkologie: Wie UX den Workflow erleichtert
Ein Beispiel aus der Onkologie zeigt, wie sich UX-Probleme im klinischen Alltag auswirken können: Ärztinnen und Ärzte müssen bei Therapieentscheidungen viele verschiedene Informationen berücksichtigen – Bildgebung, Laborwerte, Therapiehistorie, Tumorparameter und Patientendaten aus dem Krankenhausinformationssystem.
In der Praxis lagen diese Informationen jedoch in unterschiedlichen Bereichen der Software, sodass die Anwender während der Entscheidungsfindung ständig zwischen mehreren Screens wechseln mussten. Gerade unter Zeitdruck führte das zu erhöhtem kognitivem Aufwand und unterbrach den eigentlichen Entscheidungsprozess.
Im Rahmen von UX-Research und Workflow-Analysen haben wir untersucht, wie die klinische Entscheidungsfindung tatsächlich abläuft und welche Informationen zu welchem Zeitpunkt benötigt werden. Darauf aufbauend wurden Prototypen entwickelt, die relevante Daten direkt im Entscheidungsworkflow zusammenführen.
Die technische Funktionalität blieb unverändert – aber die Struktur der Informationen wurde klarer und nachvollziehbarer. Für die Anwender bedeutete das weniger Kontextwechsel, schnellere Orientierung und ein deutlich flüssigerer Entscheidungsprozess.
Dieses Beispiel zeigt, dass UX in der Medizintechnik nicht nur Oberflächen gestaltet, sondern komplexe Technologien direkt in funktionierende klinische Workflows übersetzt.
Wenn du ähnliche Herausforderungen in deinen Produkten siehst, hilft dir der UX Quick Guide, typische UX‑Fallen systematisch zu erkennen und zu lösen.
Über den Autor
Jona Rammler ist UX Consultant und Gründer von Splore.
Er unterstützt Unternehmen aus HealthTech und Industrie dabei, komplexe Technologien in intuitive und nutzerzentrierte Produkte zu übersetzen.
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